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NARM: Therapie bei frühem Bindungstrauma,
Beziehungstrauma und Entwicklungstrauma
In Kürze:
Verbindung ist unsere tiefste Sehnsucht und grösste Furcht
Trauma bedeutet Verletzung. Entwicklungstraumata sind unverarbeitete Verletzungen aus der
Kindheit, sehr oft unbewusst, die bis heute belastend nachwirken. In erster Linie ist hier von
psychischen, seelischen Verletzungen die Rede. Frühe traumatische Erfahrungen, wie sie die
meisten von uns in kleinerem oder auch grösserem Umfang erlebt haben, beeinträchtigen un-
sere Fähigkeit, mit uns selbst und anderen wirklich in Kontakt zu sein. So wird unsere Leben-
digkeit eingeschränkt, worauf die meisten psychologischen und viele körperliche Probleme
beruhen.
Wann ist NARM interessant für mich? Überlebensstile
NARM-Therapie ist wertvoll, wenn eine oder mehre der fünf Kernressourcen (siehe rechts)
teilweise beeinträchtigt ist und der Wunsch besteht, etwas daran zu ändern. Das kann Formen
annehmen wie im Folgenden skizziert, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Das sind die fünf
Überlebensstile, die den fünf Grundbedürftnissen zugeordnet sind:
1.
Kontaktverlust zu den eigenen Emotionen und zum eigenen Körper. Rein intellektuell
(wahlweise spirituell) und oft stolz darauf. Kaum etwas fühlen und spüren, denn das macht
Angst. Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen. Gefühl, nicht dazuzugehören bis hin zu
Zweifeln an der eigenen Existenzberechtigung.
2.
Die eigenen Bedürfnisse nicht kennen/wahrnehmen oder meinen, es nicht zu verdienen,
dass sie erfüllt werden. Stolz, wenig zu brauchen, aber gebraucht zu werden. Oder stets
bedürftig, nichts vermag die Bedürftnisse zu stillen, wobei man sich leer fühlt (kann mit
Sucht, Suchtverhalten, Abhängigkeit zusammenhängen).
3.
Glauben, sich auf niemanden verlassen zu können ausser sich selbst. Sich klein, hilflos,
benutzt, verraten fühlen. Vielleicht zur Kompensation andere klein machen, benutzen,
verraten, entweder verführend oder brachial.
4.
Sich belastet und unter Druck fühlen, nicht klar nein sagen können. Brav, Angst zu enttäu-
schen und stolz darauf, wie viel man ertragen kann. Oder Rebell bzw. heimliche Freude
daran, zu enttäuschen (auch passiv-aggressiv). Wut nicht zulassen oder destruktiv aus-
agieren.
5.
Probleme, Herz und Sexualität zu integrieren. Manchmal übersexuell oder prüde. Selbst-
wertgefühl basiert auf Aussehen oder Leistung, daher oft endlose Selbstoptimierung.
Mehr: NARM steht für Neuro Affective Relational Model™
(Neuroaffektives Beziehungsmodell) [1]
Entwicklungstrauma heilen nach Dr. Laurence (Larry) Heller
Fünf organisierende Grundbedürftnisse,
Entwicklungsthemen und Kernressourcen
1.
Kontakt: Wir spüren, dass wir zur Welt gehören. Wir sind in Kontakt mit unserem
Körper und unseren Emotionen und fähig zu beständigen Verbindungen mit
anderen.
2.
Einstimmung: Wir kennen unsere Bedürftnisse und wissen, was wir brauchen. Wir
erkennen die Fülle, die das Leben bietet und können sie annehmen.
3.
Vertrauen: Wir haben ein inhärentes Vertrauen in uns selbst und andere. Wir
fühlen uns sicher genug, um eine gesunde Interdependenz mit anderen zuzu-
lassen.
4.
Autonomie: Wir können “nein” sagen und Grenzen setzen. Wir sagen unsere
Meinung ohne Schuldgefühle oder Angst. Wir können Wut aushalten und die
Energie daraus konstruktiv für unseren authentischen Ausdruck nutzen.
5.
Liebe-Sexualität: Unser Herz ist offen und wir sind in der Lage, eine liebevolle
Beziehung mit einer vitalen Sexualität zu verbinden.
In dem Masse, in dem die fünf Grundbedürftnisse erfüllt sind, erleben wir Regulie-
rung, Verbindung und Ausdehnung. Wir fühlen uns sicher und vertrauensvoll gegen-
über unserer Umwelt, verbunden mit uns selbst und anderen.
In dem Masse, in dem diese Grundbedürftnisse nicht erfüllt werden, leiden Selbstregu-
lierung, Identität und Selbstachtung, denn für das Baby oder Kleinkind ist es weniger
lebensbedrohlich, zu fühlen “mit mir stimmt etwas nicht”, als “mit der Umgebung stimmt
etwas nicht”. Die ungenügende Erfüllung der Grundbedürftnisse geschieht meist unab-
sichtlich. Einerseits werden Dysregulationen und auch Traumata der Elterngeneration
weitergegeben, andererseits können sich lange als richtig geltende Erziehungsstile wie
das Baby allein schreien lassen, auf Dauer negativ auswirken - verglichen mit Kulturen
mit sehr viel mehr Körperkontakt. Lange galt mehr Körperkontakt als absolut nötig als
“Verwöhnen”. Aber die Kleinen haben noch keinerlei Möglichkeit zur Selbstregula-
tion; sie sind auf Regulation von aussen und damit auf Kontakt angewiesen, sonst ent-
steht mit der Zeit innere Not.
So entstehen Überlebensstile, um zu versuchen, die Trennung und Dysregulation zu
bewältigen. Die Überlebensstile beeinflussen unsere Erfahrungen und Handlungen
meist ein Leben lang. Die Identitätsverzerrungen sorgen dafür, dass wir uns selbst und
die Welt weiterhin aus der Kinderperspektive wahrnehmen, z. B.: “Ich bin schlecht,
nicht liebenswert oder verdiene dies oder das (nicht)”. Die kindliche Sicht wirkt nach, da
damals die Umgebung die frühen Bedürftnisse nicht ausreichend abdecken konnte.
Daraus ensteht auch das, was oft “der innere Kritiker” genannt wird. Das ist aber keine
eigenständige Person, sondern wir selber machen uns (meist unbewusst) runter. NARM
holt diese unbewussten Muster ins Bewusstsein im Sinne der Selbstwirksamkeit
(agency). NARM fragt zum Beispiel “Wie ist es, wenn ich mir diese negativen Dinge sa-
ge oder mich beschäme?” Und schon besteht die Möglichkeit, etwas daran zu ändern,
was zuvor unhinterfragbar schien: “Es ist einfach so und war schon immer so.” Aber es
muss nicht so bleiben.
In den ersten Lebensjahren wird der grösste Teil unserer Identität geformt. Aber die
verpasste gesunde Entwicklung kann mithilfe von NARM nachgeholt werden, so dass
nicht länger das Gefühl vorherrscht, Opfer der eigenen Geschichte oder der Umstände
zu sein (Erwachsenenperspektive).
Indem Identitätsverzerrungen, geringes Selbstwertgefühl, Selbstverurteilung und
Scham dekonstruiert werden, wachsen gesunde Ausdrucksformen unserer Leben-
digkeit und die Fähigkeiten zur Bindung und Selbstregulation.
Ursprünglich sind die Überlebensstile adaptiv und repräsentieren Erfolg, nicht
Pathologie. Schliesslich haben wir auch unter schwierigen Umständen überlebt. Da das
Gehirn jedoch die Vergangenheit benutzt, um die Zukunft vorherzusagen, bleiben diese
Überlebensmuster in unserem Nervensystem fixiert und schaffen eine adaptive, aber
falsche Identität. Es ist das Fortbestehen von Überlebensstilen, die der Vergangenheit
angemessen sind, das die gegenwärtige Erfahrung verzerrt und Symptome erzeugt. Da
diese Überlebensmuster ihre Nützlichkeit überlebt haben, schaffen sie eine ständige
Trennung von unserem authentischen Selbst und von anderen.
Eine gewisse Entwicklungs-Traumatisierung ist in unserer Kultur die Regel, nicht die
Ausnahme, da wir uns so stark von der Natur, auch unserer inneren, entfernt haben. Sie
ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein kollektives Phänomen.
Im NARM-Ansatz arbeiten wir gleichzeitig mit der Physiologie und der Psychologie
von Menschen, die ein Entwicklungstrauma erlebt haben, insofern spreche ich von
Körperpsychotherapie (body psychotherapy).
Die spontane Bewegung in uns allen geht in Richtung Verbindung und Gesundheit.
Kurz: Eigene Stärken pflegen anstatt alte Überlebensmuster stets zu wiederholen.
[1]
Buchtipp: “Entwicklungstrauma heilen”
von Laurence Heller und Aline Lapierre, 2013
Originaltitel: “Healing Developmental Trauma”, 2012